als es zu schneien aufgehört hatte verließ johanna von rotenhoff ohne ein rechtes ziel zu haben das gutshaus . mechanisch einen fuß vor den anderen setzend schlug sie den weg zum verschneiten park ein . johanna von rotenhoff schritt wie eine marionette die keinen eigenen willen hat . ihr gesicht war ungewöhnlich bleich und ihre augen waren vom weinen gerötet . so war es in letzter zeit öfter . ihre bisher glückliche ehe war ins wanken geraten . niemals hätte johanna an der treue viktors zu zweifeln gewagt . und jetzt . seitdem die schauspielerin melanie nowara in der nahe gelegenen kreisstadt am stadttheater verpflichtet war gab es kaum einen abend an dem viktor zu hause war . johanna saß dann am fenster und blickte hinaus in die dunkle nacht . erst wenn die lichter von viktors wagen in der birkenallee aufblitzten ging sie zu bett . aber auch dann konnte sie nicht einschlafen . manchmal kam es sogar vor daß viktor die ganze nacht über nicht nach hause kam . . . . die blutjunge johanna von römer hatte viktor von rotenhoff geheiratet als sie durch einen tragischen unfall die eltern verloren hatte . sie war eine entfernte verwandte der rotenhoffs und kam nach dem tod der eltern in deren haus . es war den rotenhoffs gar nicht so besonders recht gewesen daß viktor die nicht gerade vermögende johanna heiratete . doch das störte den jungen baron wenig . er setzte seinen willen den eltern gegenüber durch und man fand sich schließlich damit ab daß die sanfte goldblonde johanna römer viktors frau wurde . johannas mutter entstammte einer seitenlinie des geschlechtes rotenhoff . sie hatte ihre hand einem begabten dirigenten gereicht und aus diesem grund als schwarzes schaf der familie gegolten . nachdem johanna und viktor ein jahr verheiratet waren schenkte sie viktor einen erben . der kleine wolfgang hatte die großeltern versöhnt . wolfgang war ein rotenhoff und die familie war ungeheuer stolz auf ihn . später hatte johanna noch ein kleines töchterchen geboren . von da an hatte nichts mehr das glück auf rotenhoff stören können . wolfgang und nanni das war der name des kleinen baroneßchens wurden nach allen regeln der kunst verwöhnt . es gab kaum einen wunsch der den kindern nicht erfüllt wurde . trotzdem waren sie bescheiden und brav . dafür sorgte schon johanna die von ihren kindern abgöttisch geliebt wurde . so waren die rotenhoffs eine sehr glückliche familie gewesen . seitdem die schauspielerin melanie nowara in viktors leben getreten war hatte es den anschein als wäre das familienglück der rotenhoffs zerstört . während johanna auf den verschneiten wegen dahinging erschien vor ihrem geistigen auge das bild der schauspielerin . sie war zweifellos eine sehr schöne frau . ihre haut war zart und weiß und das glänzende rote haar umgab das schmale gesicht in weichen wellen . viktor sieht nur die schönheit der schauspielerin dachte johanna bitter . daß ihr gesicht kalt und seelenlos ist bemerkt er in seiner verliebtheit nicht . johanna hatte an jenem abend als sie mit viktor das theater besuchte gemerkt daß sein herz für melanie nowara entflammt war . mit leuchtenden augen hatte er sie betrachtet . eine tolle frau diese nowara hatte er geäußert . seit diesem tag war mit viktor eine veränderung vor sich gegangen . er war merklich kühler geworden . seine umarmungen waren flüchtig seine küsse ohne wärme und leidenschaft . drei monate dauerte das verhältnis das viktor zu der schauspielerin unterhielt . er machte nicht einmal ein hehl daraus . die nowara schien ihn vollkommen verhext zu haben . es war schon in die Öffentlichkeit gedrungen daß der junge baron rotenhoff eine geliebte hatte und daß diese geliebte melanie nowara hieß . wo johanna ging und stand glaubte sie die blicke der menschen auf sich gerichtet zu sehen . sie fühlte daß man hinter ihrem rücken tuschelte . johanna ging gedankenverloren über felder und wiesen . sie hatte den mantelkragen hochgeschlagen und die hände tief in den taschen vergraben . wenn ich doch nur einen ausweg wüßte dachte sie verzweifelt . so ging es auf keinen fall weiter . sie war nicht stark genug um diesen zustand länger ertragen zu können . mittlerweile hatte es wieder zu schneien begonnen . johannas gang war schleppend ihre schultern waren nach vorn gebeugt als hätte sie eine schwere last zu tragen . nachdem sie ein paar minuten durch den fußhohen schnee gestapft war lag vor ihr das verschneite dörfchen . ihr blick weilte einen augenblick auf einer reihe stattlicher giebel die sich auf einer anhöhe erhoben . dann schritt sie ziellos über die dorfstraße . ich fühle mich zum sterben elend dachte sie und blickte verloren in die winterlandschaft . zu ihrer rechten lag das schmucke dorfkirchlein . johanna warf einen blick auf die große turmuhr . gleich vier dachte sie . in einer stunde würde man sich auf rotenhoff zum tee versammeln . man würde sich wundern daß sie nicht zu hause war . johanna hatte keine nachricht hinterlassen . kopflos war sie aus dem stillen haus gestürmt nachdem viktor bereits am frühen nachmittag in einem dunklen gesellschaftsanzug das haus verlassen hatte . johanna hatte gewußt wohin er nun fuhr . neuerdings genügte es ihm nicht mehr daß er der nowara die abende und die halben nächte widmete . nein auch am tag zog es ihn in die nähe der schönen frau . johannas augen brannten von ungeweinten tränen . was sollte werden wenn viktor nicht bald zur vernunft kam . schließlich mußte er doch an die kinder denken . was sollte werden wenn ihre ehe zerbrach . sie war so in ihre gedanken vertieft daß sie erschrocken aufblickte als ein entgegenkommender wagen dicht neben ihr stoppte und jemand ihren namen rief . gleich darauf öffnete sich der schlag und ein älterer herr verließ das auto . erstaunt blickte er auf die völlig aufgelöste frau deren augen ihn leidvoll anblickten . onkel martin . johannas mund umspielte ein schwaches lächeln . professor martin oberländer